Romantrilogie von Leila Slimani
Frankfurt am Main [ENA] Die Familiensaga von Leila Slimani erstreckt sich über drei Bände mit ca. 1.200 Seiten. Im Original besteht die Romantrilogie aus den Büchern: Le pays des autres, Regardez-nous danser, J'emporterai le feu. In deutscher Sprache: Das Land der Anderen, Schau, wie wir tanzen und Trag das Feuer weiter.
Nach dem 2. Weltkrieg lernen sich Mathilde, Elsässerin, und Amine, Marokkaner, der in der französischen Armee im Elsass dient, kennen. Sie heiraten und siedeln nach Marokko in die Nähe von Meknès über. Dort betreiben sie eine Farm und leben in den ersten Jahren unter schweren Bedingungen von der Landwirtschaft. Sie haben zusammen zwei Kinder. Die Tochter Aicha, geboren 1947 und der Sohn Selim, geboren 1951. In Meknès leben sie mit der Familie von Amine. Seine Brüder Omar und Jalil und seine Schwester Selma. Die Mutter von Amine, Mouilala, kann weder lesen noch schreiben, bewundert die Schwiegertochter Mathilde für ihren Mut, ihre Bildung und ihre Selbstbestimmtheit.
Die Spannungen zwischen den Kolonialherren und den Arabern, zwischen der modernen westlichen Welt und den patriarchalisch geprägten, traditionellen Familien, zwischen den Geschlechterrollen prägen die Geschehnisse und führen zu Brüchen und Identitätskonflikten bei den Charakteren. Aicha studiert in Straßburg Medizin und kommt in ihre Heimat, nach Marokko zurück (1968). Sie wird eine anerkannte Gynäkologin. Selim schließt sich einer Hippiegruppe an, reist quer durch Marokko und konsumiert leichte Drogen. Aicha lernt Mehdi, einen sehr belesenen und marxistisch orientierten jungen Mann kennen. Sie verlieben sich und heiraten. Mehdi studiert Ökonomie und wird Direktor einer Bank, später Präsident einer staatlichen Investmentgesellschaft.
Aus der Ehe gehen Mia, geboren 1974, und Inès, geboren 1980, hervor. Die Geschwister sind sehr unterschiedlich. Mia bekennt sich zu ihrer homosexuellen Orientierung. Sie ist Schriftstellerin in Paris und kämpft mit mentalen Problemen, während Ines ein bürgerliches Leben anstrebt. Mia kehrt zurück nach Marokko auf die Farm ihrer Großeltern. Sie erinnert sich an ihre Kindheit und erlebt die Spannungen zwischen verschiedenen Identitäten: zwischen Französin und Araberin, die als französisch sprechende Araberin an einer westlichen Universität studierte und selbst fast kein Arabisch spricht.
Die Spannungen zur sozialen Ungleichheit spiegeln sich im Innen, dem eigenen Elternhaus, wo sie selbst in einer bürgerlichen Welt aufgewachsen ist, und im Außen, außerhalb des Elternhauses, wo prekäre Lebensverhältnisse in ihrer Heimat eher vorherrschend sind. Weitere Spannungen herrschen in Bezug auf das Sexuelle: im Inneren, dem eigenen Elternhaus, herrscht Schweigen über ihre sexuelle Orientierung. Es bleibt ein Tabuthema in der eigenen Familie. Im Außenbereich kann sie ihre sexuelle Freiheit ausleben.
Aus jedem der drei Bücher sind hier einige Textstellen ausgewählt, die mich besonders berührt haben. Die Themen sind unterschiedlich: koloniale Erfahrungen, die Erlebnisse des Kindes mit Schule, die Beziehung der Tochter zum Vater, die Identitätsfindung und die Verletzlichkeit durch Gewalt gegen Frauen. Koloniale Erfahrungen: 1942 fährt die Mutter mit ihrer 8-jährigen Tochter im Zug nach Rabat. Im Abteil sitzen zwei Französinnen, die sich über die afrikanischen Mitreisenden aufregen, da sie nicht in der ersten Klasse reisen dürfen und sie sich durch ihren Geruch und das nicht angemessene Verhalten gestört fühlen.
Selma hat so schöne dunkle Augen, dass die Französin glaubt, dass sie geschminkt sei. Sie zieht das Kind an sich und wischt ihr mit einem weichen Tuch das Gesicht über den Augen ab, um die scheinbare Schminke zu entfernen. Selma schreit laut, der Bruder Omar kommt aus dem Flur und möchte wissen, warum sie so schreit. Die Französin bekommt Angst und verlässt fluchtartig das Abteil. „ ‚Die Alte spricht kein Französisch. Stell dir vor!‘ Die Französin war zutiefst enttäuscht. Sie hatte eine goldene Gelegenheit verpasst, ihre Überlegenheit zu demonstrieren…
Sie schienen erstaunt darüber, dass eine Frau wie Mouilala, mit ihren Fußkettchen, ihrem hennagefärbten Haar und ihren langen, schwieligen Händen, neben ihnen reisen konnte. Einheimischen war die erste Klasse verboten, und sie konnten die Dummheit und Unverschämtheit dieser Analphabeten nicht fassen. Als der Schaffner den Waggon betrat, regte sie sich auf „Ah, diese Farce hat endlich ein Ende“, dachten sie. „Wir werden dieser Frau ihren Platz zeigen. Sie glaubt wohl, sie könne sich überall hinsetzen, aber es gibt Regeln.“ Mouilala zog ihre Fahrkarten und die Militärpapiere, die die Inhaftierung ihres Sohnes erwähnten, unter ihrem Haik hervor.
Der Schaffner betrachtete das Papier und rieb sich verlegen die Stirn. „Gute Reise, Madam“, sagte er und zog seine Mütze. Dann verschwand er im Gang. Die beiden Französinnen waren wie gelähmt. Selma ist ein sechsjähriges Mädchen. „Niemand, dachte die Fahrgästin, hat solche Augen. „Jemand hat sie geschminkt“, flüsterte sie ihrer Freundin ins Ohr. „Was sagst du dazu?“ Die junge Frau beugte sich zu Mouilala und sagte, jede Silbe sorgfältig betonend: „Man schminkt keine Kinder. Dieser Kajal auf ihren Augen ist nicht in Ordnung.“ „Das ist vulgär. Verstehst du?“
Sie starrte auf den Stoff, verzweifelt sauber, und rieb ihn, um sich und ihrer Mitreisenden zu beweisen, dass dieses Mädchen eine potenzielle Schlampe, eine Hure war. Ja, sie kannte diese Mädchen, diese dunkelhaarigen Frauen, die vor nichts Angst hatten und ihren Mann in den Wahnsinn trieben. Szene aus Buch 1, Seite 115-118. Die Kolonialherren spielen ihre Macht aus. Die Marokkaner werden als minderwertig angesehen und erfahren die Diskriminierungen deutlich, wie im Falle Selma, hautnah am eigenen Körper. Selma ist die Schwester von Omar, der sie kontrolliert, vorgeblich beschützt und sie häufig schlägt. Sie hat Angst vor ihrem eigenen Bruder.
Erlebnisse des Kindes mit Schule: Aicha hat ihren ersten Schultag in einem französischen Internat in Rabat. Sie fürchtet sich vor dem Verlassen-Sein von der Familie. „Aicha zitterte am ganzen Körper. „Ich will nicht!“, schrie sie. „Ich will nicht raus!“ Ihre durchdringenden Schreie erregten die Aufmerksamkeit der Eltern und Schülerinnen. Die sonst so ruhige und schüchterne Aicha klammerte sich in der Mitte der Rückbank fest und schrie gegen die Tür.“ Die Angst vergleicht sie mit der Angst der Tiere bevor sie geschlachtet werden. „So hatten die Arbeiter früher die Tiere vor dem Schlachten angelockt. „Komm her, Kleine, komm schon“, und dann ging es ab in den Pferch, zu den Schlägen, zum Schlachthaus.“ Szene aus Buch 1, Seite 62.
Die Beziehung der Tochter zum Vater: Mia ist zehn Jahre alt. Ihr Vater, Mehdi, ist Geschäftsführer einer staatlichen Investmentgesellschaft in Casablanca. Eines Tages nimmt er sie mit, um ihr zu zeigen, wo er arbeitet. Das Gebäude ist in einem modernen Viertel mit Hochhäusern. „Im dritten Stock öffnete sich die Tür, und zwei Männer in grauen Anzügen, wie ertappt, senkten die Köpfe und zogen die Schultern hoch, als sie einstiegen. „Herr Präsident.“ Zum ersten Mal sah Mia ihren Vater außerhalb des Hauses. Sie betrat seine Welt, in der er Präsident war. Mehdis Büro befand sich im zehnten Stock. Als sie die beiden sah, eilte die Sekretärin zum Präsidenten, bot ihm Kaffee an und überreichte ihm einen Stapel Notizen.“ …
„Der Raum war größer als ihr Wohnzimmer in Rabat. Links stand ein imposanter heller Holztisch, auf dem sich Akten mit bunten Umschlägen stapelten. In einem braunen Lederetui befanden sich Füllfederhalter, und Mia bemerkte den Briefkopf, auf dem in der oberen rechten Ecke in schöner hellblauer Schrift stand: Der Vorsitzende und CEO.“ Mia durchlebt starke Identitätsprobleme. Sie ist anders als die Mädchen in ihrer Klasse. Bei dem Besuch des Büros des Vaters werden Andeutungen gemacht. „Mia spielte Fußball mit ein paar Jungen, die trotz der Nachmittagskühle ihre Hemden ausgezogen hatten.“
Zum Abschied, erfahren wir diese Szene: „Durch das Fenster sah sie wie im Traum die Lichter der Stadt, die den dichten Nebel durchbrachen. Sie folgte ihm in den Aufzug, und dieselbe Szene wiederholte sich. Die Männer senkten die Köpfe, und die Frauen blinzelten. Eine von ihnen streichelte Mias Kinn. „Also, mein Junge, sollen wir mit Papa ins Büro gehen?“ Dann sprach er einen langen Satz auf Arabisch, und Mia, noch etwas schläfrig, sah zu ihrem Vater auf und fragte: „Was hat er gesagt?“ Schweres Schweigen herrschte im Aufzug. Das Auto brachte sie zurück nach Rabat. Ihr Vater war verärgert, aber Mia traute sich nicht, ihm etwas zu sagen.“ Buch 3, Seite 74.
Identitätsfindung: Mia ist 15 Jahre alt und liebt ihre Freundin und stellt sich häufig die Frage nach ihrer Identität. Ihre Mutter schweigt, würde es nicht ertragen, auszusprechen, dass ihre Tocher homosexuell ist. Mia kann ihre Worte gegenüber einem Homosexuellen nicht vergessen: „Der Arme, Leute wie er sind niemals glücklich“. Buch 3, Seite 217. Weiterhin sind berührende, erotische Szenen zwischen den Liebenden Selma und ihrem Neffen Selim beschrieben: „Selmas Körper war zart, glatt wie eine Wolke, und hüllte ihn in eine Sanftheit, die ihn ganz erfüllte.“ Weitere erotische Momente zwischen Mehdi und Aicha und Mia und ihrer Freundin Hakima werden geschildert.
Leila Selmani gelingt es, die Szenen der Intimität der Liebenden literarisch anspruchsvoll wiederzugeben. Das ist eine große Kunst und nur bei wenigen Schriftsteller*innen findet man diese Gabe. Selma erfährt die Erniedrigung in den Beziehungen mit Männern, die sie begehren. Sie erkauft sich ein abenteuerliches Leben mit schönen Kleidern, Schmuck und Reisen durch die edlere Form der Prostitution. Dabei ist sie aber nicht glücklich. Sie sieht koloniale Verhältnisse zwischen ihr und ihren Liebhabern. Sie sagt „Frauen sind wie jene Länder, die von Truppen verwüstet werden, die ihre Felder niederbrennen, bis die Bewohner ihre Sprache und ihre Götter vergessen haben.“ Buch 2, Seite 247.
Leila Slimani wurde 1981 in Rabat als Tochter eines marokkanischen Vaters und einer französisch-algerischen Mutter geboren, besuchte das französische Gymnasium in Rabat und studierte an der Sciences Po Politikwissenschaften in Paris. Sie sagte in einem Interview: Literatur sei der Ort, an dem sich Empathie und Zärtlichkeit äußern sollen. Der Andere solle in seiner Verletzlichkeit verstanden werden. Er/sie solle akzeptiert werden in seinem Dasein als Mensch und niemand solle als Feind gesehen werden.
Sie erlebte Marroko als ein Land mit großen sozialen Unterschieden. Sie stammt aus einer gehobenen Mittelklasse-Familie, die Mutter Ärztin, der Vater Minister und Banker. Typisch für Marokko sei: Im öffentlichen Raum geschehen nur die erlaubten Dinge, im Privaten, werden die Leidenschaften ausgelebt. Als Leila Slemani als 18-jährige Frau von Rabat nach Paris zum Studium ging, suchte sie zuerst das Café de Flore auf, in dem Simon de Beauvoir in den 60er Jahren verkehrte. Sie war von ihr und ihrem Buch „das zweite Geschlecht“ so begeistert, dass sie diesen Ort aufsuchen musste.
Leila Slimani ist Mutter, Feministin, Marokkanerin, Schriftstellerin und Französin. Sie lebt in Portugal. Im Jahre 2016 erhielt sie den wichtigsten französischen Literaturpreis Pix Goncourt für ihren zweiten Roman "Chanson douce" (deutsch: Dann schlaf auch du). Anmerkung: Die Texte sind aus dem Französischen von dem Autor dieses Artikels übersetzt. Sie entsprechen nicht unbedingt der Buchübersetzung.




















































