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Drewermann: "Widersteht dem Bösen nicht mit Bösem"

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Karlsruhe, 25.01.2023, 08:53 Uhr
Presse-Ressort von: Sergej Perelman Bericht 4268x gelesen
Gandhi-Statue. Sinnbild und Verwirklichung des absoluten Gewaltverzichts Jesu

Karlsruhe [ENA] Der Theologe Dr. Eugen Drewermann widerspricht der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Dr. Annette Kurschus kategorisch, welche sagt: "Androhung und Ausübung von Gewalt sind aus Sicht des christlichen Glaubens strikt an die Aufgabe gebunden, für Recht und Frieden zu sorgen". Laut Drewermann sei dies "die schlimmste Form des Missverständnisses", denn es gelte Matthäus 5:39: Widersteht dem Bösen nicht mit Bösem.

Am 7. Juni 2022 veröffentlichte die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland Dr. h. c. Annette Kurschus in der FAZ einen Artikel mit der Überschrift 'Jenseits von Eden'. In diesem nimmt sie Stellung zur Frage, ob Waffenlieferungen im Besonderen bzw. der Einsatz von brutaler Gewalt im Allgemeinen sich christlich rechtfertigen lasse. Die evangelische Theologin kommt zu dem Schluss: ja. Ihre Begründung: Der Mensch sei jenseits von Eden sündhaft und er trägt einen "Unwillen zum Frieden". Die Erlösung ist irgendwann nur durch Gott möglich. Bis dahin habe "der Staat nach Gottes Anordnung die Aufgabe nach dem Maß... menschlichen Vermögens unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen".

"Ich kann einen Krieg grundsätzlich nicht gutheißen, auch keinen Verteidigungs-krieg, auch keine Waffenlieferungen. Ich kann sie allenfalls als unvermeidlich anerkennen, als geringeres Übel für vertretbar halten. Es ist geboten, der Sünde in Form von brutaler Gewalt und verbrecherischem Unrecht entgegenzutreten. Die Hilfe für Menschen in höchster Not, gerade auch für die Schwachen, fordert, Angriffe auf ihr Leben, ihre Würde und ihre Freiheit nicht tatenlos hinzunehmen", führt Kurschus weiter aus. In einem Interview während des 15. attac-Kongresses in Karlsruhe am 14.01.2023 wurde der Theologe Dr. Eugen Drewermann zu einer Stellungnahme in Bezug auf die Positionierung von Frau Dr. Kurschus gebeten. Es folgt sein vehementer Widerspruch.

"Alles, was Frau Korschus denkt, liegt in der Spur des Augustinus. Augustinus hat 410 die Eroberung Roms durch den Westgoten König Alarich genutzt, um die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre zu begründen. Es gibt ein Reich der Kainiten, das ist die De-facto-Politik, die wir haben. Da wird getötet, gemordet, geraubt, gestohlen. Daneben gibt es das Reich der Abeliten, das Gottesreich. Da ist versammelt, was an Opfern auf der Strecke bleibt. Martin Luther hat das aufgegriffen und in der Tradition steht sicherlich Frau Kurschus."

"Da ist es so: Der Mensch ist sündig, er muss erlöst werden, aber das ist er nicht. Die Christen könnten es sein, aber die werden bedroht zum Beispiel von den Türken, von allen Möglichen. Und da muss der Staat eingreifen. Sie wissen, dass Luther 1523 sich auf die Seite der Fürsten geschlagen hat gegenüber der Bauernrebellion. Das ist die Anwendung im Protestantismus, wie man die Zwei-Reiche-Lehre zugunsten des Staates auslegt. Der Staat hat die göttliche Ordnung zu verteidigen mit Gewalt. Genau das ist nie gewesen die Meinung Jesu."

"Richtig ist, dass das Neue Testament Jesus hineintreten sieht in eine Welt, die, mythisch ausgedrückt, wie in der Hand des Bösen liegt, des Teufels liegt. Viertes Kapitel bei Matthäus und bei Lukas ist das die Versuchung Jesu. Er könnte die Weltherrschaft erringen. Wir hätten endlich in den Händen des Besten die gesamte Macht der Welt vereinigt. Wir hätten endlich Hoffnung, dass die Welt politisch gut geordnet wäre. Aber Jesus betrachtet es als eine Versuchung des Teufels. Er müsste, um alle Macht zu haben, zuerst niederknien und den Teufel anbeten."

"Was wir Machtpolitik nennen und was am Ende dann auch militarisiert wird im Kampf gegen das sogenannte Böse, ist die schlimmste Form des Missverständnisses. Denn in Matthäus 5:39 heißt es: Überwindet das Böse nicht mit Bösem. Ihr seid voller Angst. Ihr habt ständig Not, wie ihr richtig leben sollt. Jesus ist gekommen, die Menschen von dieser Angst zu befreien. Das wäre die kirchliche Auffassung. Und dass sie sich dessen weigert, erklärt die Ankunft des Gottesreichs auf den Sankt Nimmerleinstag. Und wir müssen sagen: Das Gottesreich kommt niemals, wenn wir darauf warten, dass es käme. Wir müssten dahingehen. Das ist der Auftrag, und die Kirche müsste das verkünden."

Interviewer: "Kurzes Fazit. Also wir müssten den Mut und die Güte aufbringen, eben nicht zur Waffe zu greifen so wie beispielsweise der palästinensische Arzt Izzeldin Abuelaish, dessen drei Töchter zusammen mit ihrer Cousine bei sich zuhause ermordet wurden von Granaten aus einem Panzer der Israelis. Und er hat danach gesagt: 'Ich werde nicht hassen'. Das ist doch die Bergpredigt?!"

Eugen Drewermann: "Das ist die Bergpredigt. Jesus sagt dasselbe: Wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte noch die andere hin und in der Szene, da Petrus zum Schwert greift, als die Soldaten Jesus im Garten Gethsemane verhaften: 'Steck dein Schwert an seinen Ort, denn wer zum Schwert greift, der wird durch das Schwert umkommen!'"

"Ich bedauere nicht nur die Position von Frau Kurschus, sondern gleichermaßen die des Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, des Bischofs von Limburg. Auch er hat sich gleichermaßen geäußert, so dass beide Kirchen, bezogen auf die verschiedenen Konfessionen, staatstragend darin sind, dass sie die Zeitenwende mit der Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik im Krieg gegen Russland als moralische Pflicht interpretieren."

"Mir zeigt das als Theologe ein Christentum, wie wir es zeitlich fast genau datieren können auf das Jahr 312 nach Christus. Das ist der Zeitpunkt, als Konstantin, um an die Macht zu kommen, seinen Thronkonkurrenten Maxentius an der Milvischen Brücke in Rom vernichtend geschlagen hat und zum ersten Mal auf die Schilde seiner Soldaten, so sagt die Legende, das Zeichen des Christus geschrieben hat. Aus der Friedensbotschaft Jesu, die mir als Theologen wie als Menschen absolut wesentlich ist, wird seit 312 ein Gottesbild stilisiert, bei dem der Vater Jesu Christi fast identisch ist mit den Kriegsgöttern der Babylonier: Marduk, der Germanen: Wotan, der Griechen: Ares oder Zeus."

"Und die Perversion im Ganzen wird theologisch dadurch gestützt, dass wenige Jahrzehnte später das Christentum selber zur Staatsreligion erklärt wird. Seitdem muß man Staatsbürger Roms sein, indem man Christ ist. Enger kann die Ideologie und die Staatsunion nicht gedacht werden als seitdem. Und das ist die Linie, in der die deutsche Theologie offensichtlich bis heute in einem langen Strom der Verfälschungen der Botschaft Jesu sich gefangen setzt. Ich muss hinzufügen mich hat entsetzt und ich sehe die Zeitenwende direkt um 70 Jahre zurückversetzt in die Zeit von 1955 beim Aufbau der Bundesrepublik West mit der Wiederbewaffnung."

Damals konnten die Jesuiten in den Deutschen Bundestag kommen und erklären, dass Papst Pius XII. selbst einen Atomkrieg rechtfertigen wird, wenn er gerechtfertigt ist im Krieg gegen den atheistischen Bolschewismus. Das war nötig, damit die CDU Abgeordneten, die vielleicht dem Gesetz der Wehrdienstverweigerung nicht zugestimmt hätten, doch noch hätten anderer Meinung werden können. Adenauer brauchte sie, damit sie durch die Jesuiten eines Besseren belehrt wurden. Denn Pius XII. hatte erklärt: 'Kein Katholik hat das Recht, den Wehrdienst zu verweigern und sich dabei auf sein Gewissen zu berufen'. Ich war damals 16 Jahre alt und ich wusste, dass das falsch ist, dass das nicht die Botschaft Jesu sein kann."

"Und ich bin entsetzt, dass 70 Jahre später derselbe Tenor von beiden Kirchen aufgelegt wird. Damals in den 50er Jahren hatten wir Protestanten wie Niemöller, Kirchenpräsident in Hessen-Nassau. Der konnte nach Moskau reisen, um ein Gegenbild für Frieden zu schaffen. Der konnte erklären: 'Dies kann nicht die Meinung Jesu sein, das der Papst da sagt. Und Adenauer konnte wütend sein: 'Er läßt sich nicht das Christentum beibringen von einem Kirchenpräsidenten'. Das war der Tenor damals."

"Damals hatten wir Gollwitzer. Das war ein Mann, der erklären konnte beim Bombenabwurf auf Hiroshima am 6. August 45, dass das Gebet des Militärgeistlichen: 'Gott, wir bitten dich, dass unsere tapferen Soldaten, die aufsteigen in deinen Himmel, von dir gesegnet seien', kein Gebet sei, sondern eine Gotteslästerung! Wo hören Sie heute so was, wenn Herr Scholz sich bemüht um die deutsche Teilhabe an Atombomben? Wir bestellen gerade 35 F35 Kampfbomber, die Atomwaffenträger sein können. Wir haben Atomwaffen immer noch in Büchel gelagert. Ich höre keine kirchliche Stimme, die sagt: Das dürfen wir nicht machen! Und das entsetzt mich als Theologen, als Menschen, als Gläubigen, als Pazifisten."

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