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"Ohne Naturschutz gibt’s keinen Klimaschutz"

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Hamburg, 27.11.2022, 12:42 Uhr
Presse-Ressort von: Sergej Perelman Bericht 5656x gelesen
Schweinswal

Hamburg [ENA] Franziska Saalmann, Greenpeace-Meeresexpertin, kritisiert die starke Gefährdung des Schweinswals in Deutschland und fordert: "Deutschland muss mindestens 15 Prozent seiner Wälder und Meere strikt vor industrieller Nutzung schützen". Sandra Hieke, Wald-Expertin, prangert an, dass der Schutz in Schutzgebieten oft lächerlich gering sei. Sie stellt auch fest, dass es ohne Naturschutz keinen Klimaschutz gebe.

Auf der Grundlage eines neuen Greenpeace-Reports über die Bedrohung der Artenvielfalt in der EU bemängeln Greenpeace-Meeresexpertin Franziska Saalmann und Wald-Expertin Sandra Hieke die besorgniserregende Situation der Schweinswale, der einzigen in Deutschland heimischen Walart in Nord- und Ostsee, und den viel zu oft lächerlichen Schutz von deutschen Wäldern. Beide sprechen von Pseudo-Schutz. "Aber es fehlt an wahren Schutzgebieten, die nicht befischt und befahren werden dürfen. Nur rund 0,01 Prozent der Gesamtfläche der Nord- und 0,25 Prozent der Ostsee sind strikt geschützt", erläutert Saalmann. "Zwar sind 67 Prozent der Wälder offiziell geschützt, aber nur in 2,8 Prozent dürfen keine Bäume gefällt werden", pflichtet ihr Hieke bei.

Schweinswale seien in Deutschland und der EU über die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie – kurz FFH – theoretisch streng geschützt, trotzdem sei die Walart in einigen Gebieten fast ausgerottet. "Die größte Gefahr ist die intensive Fischerei, Tausende von Tieren verfangen sich jährlich in Kiemennetzen oder sterben bei Unfällen mit Schiffen. Die niederländische Firma ONE-Dyas will an einem Hotspot für Schweinswale in der Nordsee vor Borkum ein neues Unterwassergasfeld erschließen. Die Gasbohrungen und der erhöhte Schiffsverkehr würden den Lebensraum durch Lärm und Schmutz verpesten – und das, obwohl das potenzielle Gasfeld in einem FFH-Schutzgebiet und in unmittelbarer Nähe zum Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer liegt", führt Saalmann aus.

Auch der Bau der 12 LNG-Terminals an der deutschen Nordseeküste wird kritisch von Greenpeace bewertet, da einerseits die Kapazitätsmenge zu groß gewählt ist und man sich dadurch von einzelnen Großterminals und den strategischen Zielen Qatars und der USA abhängig mache - also lediglich die Abhängigkeit umtauscht - und andererseits eine von Greenpeace in Auftrag gegebene Studie nahelegt, dass es nicht stimmt, die LNG-Terminals ließen sich leicht und wirtschaftlich zu Wasserstoff-Terminals umrüsten. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Wald-Expertin Sandra Hieke und Meeres-Expertin Franziska Saalmann räumen mit dem Irrglauben auf, Klimaschutz stehe vor Natur- und Artenschutz. "Wir können das nicht unabhängig voneinander betrachten, denn ohne Naturschutz gibt’s keinen Klimaschutz. Ein Beispiel: Im Kampf gegen die Klimakrise brauchen wir intakte Wälder, um CO2 aufzunehmen und zu binden. Rund zwei Drittel aller an Land lebenden Arten leben in Wäldern. Wenn wir Wälder erhalten und vor der Zerstörung bewahren, tun wir also gleichzeitig etwas für den Erhalt der Arten-vielfalt auf dem Planeten wie gegen die Klimakrise", erläutert Hieke. 

"Wir sollten nicht vergessen, dass wir auf die Natur angewiesen sind, denn wir sind alle miteinander verbunden – bis hin zum kleinsten Insekt: Ohne Insekten keine Bestäubung, ohne Bestäubung kein Essen, so einfach ist das. Deshalb müssen wir dringend mehr Lebensräume schützen – selbst für Insekten, auch wenn sie für viele nicht Sympathieträger Nummer eins sind", ergänzt die Wald-Expertin. Selbiges gilt für das Ökosystem Meer. Gehe es der Schweinswalpopulation gut, werde die natürliche Balance im Meer erhalten. "Und wenn es dem Meer gut geht, ist einerseits eine unserer Lebensgrundlagen gesichert. Andererseits kann ein gesundes Meer die Auswirkungen der Klimakrise mildern, indem es z. B. mehr CO2 aufnimmt", stellt Saalmann fest.

Sandra Hieke erwartet von der Bundesregierung, sie solle sich einerseits auf der bevorstehenden Weltnaturkonferenz für ein starkes Rahmenprogramm zum Erhalt der Artenvielfalt weltweit einsetzen. Für Deutschland gibt sie als Ziel aus, dass 15 Prozent der Meere und Wälder strikt vor industriellen Eingriffen geschützt werden sollten. Sehr wünschenswert wäre ihrer Ansicht nach auch, wenn die Artenkrise "zur Chefsache" würde und Bundeskanzler Olaf Scholz die Umweltministerin Steffi Lemke zur Weltnaturkonferenz nach Kanada begleiten würde.

Franziska Saalmann fordert einen Wandel hin zu Kreislaufwirtschaft und einem System der Wiederverwendung und Langlebigkeit. Denn es würden zu viele Wälder für Wegwerfprodukte wie Pappkarton und Klopapier gefällt oder direkt verheizt. Jeder Einzelne kann seinen eigenen Konsum hinterfragen: "Brauchen wir wirklich das nächste Smartphone, das zehnte T-Shirt aus dem Versandhandel, den täglichen Coffee to go aus dem Pappbecher, schon wieder ein Steak und am Meer das Fischbrötchen? Jeder Schritt auf dem Weg zu nachhaltigerem Konsum schützt Biodiversität, Klima - und oft ganz nebenbei auch noch den Geldbeutel". In diesem Zusammenhang lohnt sich die Beschäftigung mit der Postwachstumsökonomie (apl. Prof. Dr. Niko Paech ist ein wichtiger Vertreter).

Quellen: https://presseportal.greenpeace.de/220325-wale-und-walder-neuer-greenpeace-report-zeigt-bedrohung-der-artenvielfalt-in-deutschland-und-der-eu#

https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/interview-schweinswalschutz-klimaschutz

https://www.greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/gasausstieg/gas-protest-nordsee

http://freiepresse.en-a.de/wirtschaft_und_finanzen/gruenes_wachstum_wird_uns_nicht_retten_-85038/

http://freiepresse.en-a.de/wirtschaft_und_finanzen/postwachstumsoekonomie_der_letzte_ausweg-82953/

Einschlägige Petitionen und weiterführende Artikel zum Thema: https://act.greenpeace.de/waldschutz, https://act.greenpeace.de/artenvielfalt, https://www.greenpeace.de/klimaschutz/energiewende/gasausstieg/tiefseegasprojekt-bedroht-wale

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