Donnerstag, 02.02.2023 19:23 Uhr

Das Böse überlieben - eine Kritik

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Hamburg, 25.01.2023, 22:30 Uhr
Presse-Ressort von: Sergej Perelman Bericht 1797x gelesen
Statue von Mahatma Gandhi. Sinnbild für und Praktiker der Gewaltfreiheit aus Glauben

Hamburg [ENA] Am 29.12.2022 erschien Uwe Buses Reportage 'Ein bisschen Frieden' in 'DER SPIEGEL' (1/2023). Dort führt er ein Gespräch mit dem bekannten Pazifisten Jürgen Grässlin. Der hier vorliegende Artikel stellt eine kritische Stellungnahme zu einer zentralen Schlussfolgerung Uwe Buses dar. Dieser charakterisiert nämlich das Nein Grässlins zu Waffenlieferungen an die Ukraine als "unmenschliche Seite des Pazifismus".

In seinem Artikel 'Ein bisschen Frieden' (DER SPIEGEL 1/2023, 29.12.2022) führt Uwe Buse ein Gespräch mit dem Pazifisten Jürgen Grässlin. Meine Kritik richtet sich gegen den folgenden Abschnitt aus Buses Artikel: "Grässlin hält trotzdem an seinem Nein für Waffenlieferungen an die Ukraine fest, auch nach den Berichten über Folter, Mord, Massaker in Butscha und anderswo. Wenn man will, repräsentiert dieses Nein die unmenschliche Seite des Pazifismus". Der Schlussfolgerung "Wenn man will, repräsentiert dieses Nein die unmenschliche Seite des Pazifismus" muss ich vehement widersprechen, weil sie nach derselben Logik wie die Begriffe 'hölzernes Eisen' oder 'Krieg ist Frieden' die Wahrheit in ihren kontradiktorischen Widerspruch verkehrt.

Krieg, Folter, Mord und Massaker sind die eigentliche Unmenschlichkeit. Ihre Überwindung ist NUR möglich, indem ein Mensch aus fester, freier Überzeugung auf den Einsatz von Gewalt verzichtet, weil er erkannt hat, dass man nur durch Dialog in Vertrauen, Sanftmut, Güte, Verstehen und Vergebung Frieden stiften kann. Im anderen Falle lässt man genau die gleichen Gefühle, welche der vermeintliche Feind aus verschiedenen Gründen hegt, in sein Herz und in seine Praxis und wird zum Ungeheuer gelebter Unmenschlichkeit. Gandhi konnte eben deswegen sagen: Man hat im 2. Weltkrieg Hitler mit Hitler besiegt.

Ja, man legt das Menschliche komplett ab und merkt es womöglich nicht, weil man irrtümlicherweise noch davon überzeugt ist, man tue ja etwas Gutes. Dabei hat sich das Gute bereits in sein kontradiktorisches Gegenteil - in das Böse - verwandelt. Denn selbst wenn ein ukrainischer Soldat einen russischen Soldaten tötet oder gar quält, weil dieser zuvor jemanden getötet oder gar vergewaltigt hat, ist der Ukrainer nicht besser als der Russe, der Amerikaner nicht besser als der Nazi, der Türke nicht besser als der Kurde... Sie alle werden in dem Augenblick zu Ungeheuern, da Sie auf das Böse mit den gleichen bösartigen Mitteln antworten, und am Ende womöglich sogar noch gefühlskälter und grausamer als der augenscheinliche Feind.

Darin liegt das Unmenschliche und nicht im Verzicht auf Gewalt und Waffen, wie Herr Buse es vermittelt. Butscha, der Krieg an sich, egal ob in der Ukraine, im Iraq oder im Jemen, ist immer das Resultat von sich bereits vollziehender Unmenschlichkeit, weil man nicht genug innerer Festigkeit, nicht genug Mut, nicht genug Vertrauen gehabt hat, nicht ausreichend Reife, nicht genügend Güte, um das Böse zu überlieben - das wäre der einzige Weg gelebter Menschlichekit. Menschlichkeit lässt sich nur realisieren, indem die eigene innere Einstellung die Entstehung von Hass unmöglich macht und man aus freier Überzeugung auf Gewalt und Waffen gänzlich verzichtet. Das ist möglich. Izzeldin Abuelaish schildert es z.B. in seinem Buch 'I Shall Not Hate'.

Die Tränen der Hinterbliebenen, ihr Leid, ihre tiefe Verzweiflung aufgrund des Verlusts, ihr Klagen darüber, dass es eigentlich nicht sein dürfte, ist etwas zutiefst Menschliches, weil es bei einer ukrainischen Mutter, Ehefrau, Tochter... dasselbe Gefühl ist wie bei einer russischen, wie bei einer jemenitischen... Daraus müsste sich doch endlich Wolfgang Borcherts kategorischer Appell der Humanität erheben "Dann gibt es NUR EINS: Sag Nein!". Wolfgang Borchert begriff, dass wenn man von diesem Nein abweicht, man nicht mehr aus Geist lebt, sondern zu einem Berggorilla wird und in Wirklichkeit sogar noch schlimmer, weswegen Mephisto in Goethes Faust meint: "Er nennt's Vernunft und braucht’s allein, nur tierischer als jedes Thier zu sein".

Hitler wurde vor allem möglich aufgrund der blutigen, brutalen, grausamen Herrschaft des 1. Weltkrieges, wegen des Giftgases, wovon Hitler selber Verletzungen davontrug; und natürlich auch des militaristischen und chauvinistischen Zeitgeistes seiner Generation wegen. Deshalb wollte er zurückschlagen. Wenn man in Versailles zur Menschlichkeit gefunden hätte und sich in Wahrhaftigkeit, Mitgefühl, Mitleid, Not, Elend und der Sehnsucht nacht echtem Frieden eingestanden hätte, dass ALLE ihr Menschsein verloren haben und man nun einen wirklichen Neuanfang in grenzenloser Solidarität und Interessensausgleich wagen müsste, hätte Hitler mit seinen Revanchefantasien und seiner grausamen, menschenverachtenden Rhethorik niemals eine Chance gehabt.

Nur so ist wirklicher Frieden möglich, indem er zum gelebten Leitmotiv einer entängstigten, geläuterten, gütigen, verständigen Politik werden würde, die versteht, dass Sicherheit nur möglich ist als Sicherheit des Anderen. Wir schließen alle Schlachthäuser ("Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben" könnten wir vom Russen Tolstoj lernen), wir rüsten ab, damit der andere Vertrauen schöpft und sich nicht mehr länger fürchten muss, wir schließen alle US-Stützpunkte, unterschreiben den UN-Atomwaffen-verbotsvertrag, werden alle US-Atombomben los, treten aus der NATO aus und schaffen die Bundeswehr ab und entwickeln in Europa gemeinsam mit Russland und der Ukraine eine echte Sicherheitsarchitektur nach obigen Grundsätzen.

Doch Sie merken, dazu reicht Ethik nicht aus. Dazu braucht man, um die Angst vor dem Tod und vor dem Anderen zu überwinden, einen Glauben an eine absolute Macht im Hintergrund der sichtbaren Welt, eine grenzenlose Liebe, aus der wir alle kommen, die jeden voraussetzungslos liebt, umfängt und Geborgenheit spendet und wonach das Böse nur die Folge der Abwesenheit von alldem darstellt. Man könnte den Zustand jener Abwesenheit als Angst, Verzweiflung, Not, Verlorenheit charakterisieren. Neben Jesus, Gandhi, Lao Tse,... sind auch der ukrainische Dichter Hryhorij Skoworoda (1722-1794) und der russische Dichter Pjotr Oreschin (1887-1938) zu genau dieser Erkenntnis gelangt - einzig die Liebe in Freiheit erschafft Menschlichkeit.

Darüber hinaus wäre ein Glaube befreiend - im Sinne einer zärtlichen, sehnsuchtsvollen Empfindung, Ahnung, Hoffnung als Evidenz ihrer selbst, sich ausrichtend auf ein Gegenüber hinter den endlichen Kerkermauern der oftmals achso finsteren Welt - daran, dass der Tod niemals das Ende ist, sondern nur ein Vorhang, der uns entlässt vor die unendlich gütigen Augen und unendlich sanften Hände einer ewigen Liebe, die alles versteht und deshalb vergibt und uns ein Wiedersehen ermöglicht, jedem nach seiner inwendigen Sehnsucht... So beschreibt es bspw. der in Kiew geborene und in Moskau gestorbene sowjetische Schriftsteller Michail Bulgakov (1891-1940) in seinem Roman 'Meister und Margarita' am Beispiel des Schicksals von Pontius Pilatus.

Quellenverzeichnis: Hier folgt ein Link, wo das erwähnte 20. Lied des ukr. Dichters Skoworoda aus seinem Werk 'Garten der göttlihcen Lieder' zu finden, wo er das Herz des Menschen als Tempel Gottes betrachtet, Gott als einzig wirklich tragende und wahren Schutz bietende Macht und die Reinheit des Gefühls und die Feindesliebe als Konsequenz daraus: http://litopys.org.ua/skovoroda/skov103.htm

Quellenverzeichnis: Nachstehend Quellen zum russischen Dichter Pjotr Oreschin: Der russische Text, die deutsche Übersetzung und eine musikalische Interpretation des Gedichts: 'Wenn es in dieser Welt...' (russ. 'Если есть на этом белом свете...'): https://www.youtube.com/watch?v=UgMhkQgZNxE, https://45parallel.net/petr_oreshin/stihi/#esli_est_na_etom_belom_svete

Quellenverzeichnis: Im Folgenden finden Sie Links zu Artikeln und Vorträgen von Dr. Eugen Drewermann und Hermann Hesse zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der behandelten existenziellen, religiösen Problemstellung: https://www.youtube.com/watch?v=tZFDgvtSJjs, https://m.youtube.com/watch?v=VUc53tWRsUc, http://freiepresse.en-a.de/politi/krieg_ueberwinden_mit_hermann_hesses_eigensinn-83964/, http://freiepresse.en-a.de/kunst_kultur_und_musik/hermann_hesse_zarathustras_wiederkehr-84805/, https://www.youtube.com/watch?v=VxzFlqaMkj8, https://m.youtube.com/watch?v=CLsnNBKoxm8

Quellenverzeichnis: Kleine Auswahl zur politischen Argumentation mit Oskar Lafontaine, Klaus von Dohnanyi, Sahra Wagenknecht, ARD: https://www.youtube.com/watch?v=DlIszGSww8s, https://m.youtube.com/watch?v=bpjUfnoiZKU, https://m.youtube.com/watch?v=CbAfH65jGI4, http://freiepresse.en-a.de/politik/auch_kiew_habe_die_zivilbevoelkerung_terrorisiert-85020/

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