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Hermann Hesse: 'Weihnacht'

Verantwortlicher Autor: Sergej Perelman Zürich, 25.12.2022, 16:44 Uhr
Presse-Ressort von: Sergej Perelman Bericht 5987x gelesen
Aufgeschlagene Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium
Aufgeschlagene Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium   Bild: congerdesign/www.pixabay.com

Zürich [ENA] Hermann Hesses Aufsatz 'Weihnacht' erschien am 25.12.1917 in der 'Neuen Zürcher Zeitung'. Darin kritisiert er Weihnachtsgefühle als sentimental, weil daraus "jahraus jahrein" keine erlösenden Taten der Liebe folgen würden. Hesse lädt uns ein, nach dem Ewigen und einzig Wichtigen in uns zu suchen.

Nachstehend wird Hermann Hesses Aufsatz 'Weihnacht' und ergänzend die Schrift 'Zu Weihnachten' (in 'Deutsche Internierten-Zeitung', 16.12.1917) veröffentlicht. Quelle: Herman Hesse, Politik des Gewissens. Zwei Bände. Erster Band: 1914-1932. Vorwort von Robert Jungk. Herausgegeben von Volker Michels. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1977 und 1981. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

Weihnacht (1917)

Auch früher schon, ehe die große Mahnung an uns ergangen war, bekam ich an Weihnachten je und je leise Widerstände, bekam einen etwas unangenehmen Geschmack auf der Zunge zu fühlen, wie bei einer Sache, welche zwar hübsch, aber nicht ganz echt ist, welche zwar allgemein Vertrauen und Achtung genießt, welcher man aber ganz heimlich doch ein wenig misstraut. Jetzt, da die vierte Kriegsweihnacht kommt, ist der Geschmack auf der Zunge unüberwindlich geworden.

Gewiss, ich feiere Weihnacht, weil ich Kinder habe, die ich nicht um eine Freude bringen will. Aber ich begehe diese Kinderweihnacht ebenso, wie ich in meiner Kriegstätigkeit die Gefangenenweihnacht begehe - als einen hergebrachten, festlich-offiziellen Aktverjährten Herkommens, verstaubter Sentimentalität. Den armen Kriegsgefangenen, die wir seit drei Jahren wie Schwerverbrecher schmachten lassen, schicken wir hübsche Kisten und Päckchen mit Tannenzweigen darin - es ist rührend, und ich fühle das Rührende daran selber zuzeiten stark, denke mir die Gefühle eines Gefangenen, der sein kleines Geschenkchen erhält, male mir aus, welch ein Strom von Erinnerungen ihn unter Umständen beim Duft eines Tannenzweiges überfallen kann.

Aber auch das ist ja schließlich nichts als eine Sentimentalität. Und ebenso wie wir die Gefangenen jahrelan einsperren, obwohl sie nichts getan haben, als sich von einem Sturmangriff oder einer gewaltsamen Erkundung überraschen zu lassen, und wie wir diese armen Hunderttausende und Millionen dann an Weihnachten mit einer gefühlvollen Gabe heimsuchen und sie an das Fest der Liebe erinnern - ebenso machen wir es mit unseren Kindern. Einmal im Jahr lassen wir sie sich an der Legende von der göttlichen Liebe freuen, sind einen Abend lang beim Christbaum mit ihnen rührend nett und erziehen sie im übrigen selben Schicksal, das wir heut alle verfluchen.

Wenn der Kriegsgefangene mir das hübsche Weihnachtspaket, das ich ihm schicke, ins Gesicht schmeißt und den sentimentalen Tannenzweig mit Füßen tritt, so hat er ganz recht. Und wenn unsere Kinder am Lichterbaum unsere ganze Ergriffenheit und Erlöstheit durch das Christkind nicht recht glauben können und uns für ein wenig falsch oder doch für ziemlich komisch ansehen, so haben sie ebenfalls völlig recht. Unsere Weihnacht ist, von den paar wirklich frommen abgesehen, ja schon sehr lange eine Sentimentalität. Zum Teil ist sie noch Schlimmeres geworden, Reklameobjekt, Basis für Schwindelunternehmungen, beliebtester Boden für Kitschfabrikation.

Das kommt daher: die Weihnacht und das Fest der Kindlichkeit ist für uns alle schon längst nicht mehr Ausdruck eines Gefühls. Es ist das Gegenteil, ist längst nur noch Ersatz und Talmi-Nachahmung eines Gefühls. Wir tun einmal im Jahre so, als legten wir großen Wert auf schöne Gefühle, als ließen wir es uns herzlich gern etwas kosten, ein Fest unserer Seele zu feiern. Dabei kann die vorübergehende Ergriffenheit von der wirklichen Schönheit solcher Gefühle sehr echt sein; je echter und gefühlvoller sie ist, desto mehr ist sie Sentimentalität.

Sentimentalität ist unser typisches Verhalten der Weihnacht und den wenigen anderen äußeren Anlässen gegenüber, bei denen noch heute Reste der chrstlichen Lebensordnung in unser Tagesleben eingreifen. Unser Gefühl dabei ist dieses: "Wie schön ist doch dieser Liebesgedanke, wie wahr ist es, dass nur Liebe erlösen kann! Und wie schade und bedauerlich, dass unsere Verhältnisse uns nur einen einzigen Abend im Jahr den Luxus dieses schönen Gefühls gestatten, dass wir sonst jahraus jahrein durch Geschäfte und andere Sorgen davon abgehalten sind!" Dies Gefühl trägt alle Merkmale der Sentimentalität.

Denn Sentimentalität ist das Sich-Erlaben an Gefühlen, die man in Wirklichkeit nicht ernst genug nimmt, um ihnen irgendein Opfer zu bringen, um sie irgend je zur Tat zu machen. Wenn die Pfarrer und Frommen klagen, dass der Glaube und damit das Glück aus der Welt geschwunden sei, so haben sie recht. Unser Verhalten gegen alle wirklichen Werte des Menschen ist von einer Barbarei und Rohheit, wie sie die Welt seit Jahrhudnerten nicht mehr gesehen hat. Dies zeigt sich in unserem Verhalten zur Religion, in unserem Verhalten zur Kunst, in unserer Kunst selber.

Denn die beliebte Meinung, dass die Kunst des modernen Europa auf einer ungeheuer hohen Stufe stehe, ist ebenso ein Irrtum der Bildungsphilister wie die Meinung vorm Vorhandensein einer hochstehenden und Respekt verdienenden 'Kultur' unserer Zeit. Der 'Gebildete' von heute verhält sich zur Lehre Jesu so, dass er das ganze Jahr hindurch an sie nicht denkt und nach ihr nicht lebt, dass er aber am Weihnachtsabend einer vagen wehmütigen Kindererinnerung nachgibt und ein wenig in zahmen, wohlfeil-frommen Gefühlen schwelgt, ebenso wie er noch ein- oder zweimal im Jahre, etwa bei Aufführung der Matthäuspassion, dieser zwar längst verlassenen, dennoch aber noch unheimlichen und im Verborgenen mächtigen Welt seine Reverenz macht.

Ja, das alles gibt man zu, jedermann weiß es, und jeder weiß auch, dass es traurig ist. Schuld daran sind politische und ökonomische Entwicklungen, sagt man, schuld ist der Staat, schuld ist der Militarismus, und so weiter. Denn irgend etwas muss ja doch schuld sein. Kein Volk hat "den Krieg gewollt", ebenso wie kein Volk den Vierzehnstundentag, die Wohnungsnot und die Kindersterblichkeit "gewollt" hat. Ehe wir wieder Weihnacht feiern und das Ewige und einzig Wichtige in uns mit einem verlogenen Ersatzartikel von Gefühl abspeisen, sollten wir uns lieber dieses ganzen Elendes recht bewusst werden, auch wenn es zur Verzweiflung führt.

Schuld an unserem Elend, schuld an der Nichtigkeit und rohen Verödung unseres Lebens, schuld am Krieg, schuld am Hunger, schuld an allem Bösen und Traurigen ist keine Idee und kein Prinzip, schuld daran sind wir, wir selber. Und auch nur durch uns, durch unsere Erkenntnis, durch unsern Willen kann es anders werden. Ob wir dann die Lehre Jesu wieder aufnehmen und uns neu zu eigen machen oder wir andere Formen suchen, das ist einerlei. Die Lehre Jesu und die Lehre Lao Tses, die Lehre der Veden und die Lehre Goethes ist in dem, worin sie das ewig Menschliche trifft, dieselbe. Es gibt nur ein Glück. Tausend Formen, tausend Verkünder, aber nur einen Ruf, nur eine Stimme.

Die Stimme Gottes kommt nicht vom Sinai, und nicht aus der Bibel, das Wesen der Liebe, der Schönheit, der Heiligkeit liegt nicht im Christentum, nicht in der Antike, nicht bei Goethe, nicht bei Tolstoi – es liegt in dir, in dir und in mir, in jedem von uns. Es ist die Lehre vom "Himmelreich", welches wir "inwendig in uns" tragen. Zündet euren Kindern die Weihnachtsbäume an! Lasst sie Weihnachtslieder singen! Aber betrügt euch selber nicht, seid nicht immer und immer wieder zufrieden mit diesem ärmlichen, sentimantalen, schäbigen Gefühl, mit dem ihr eure Feste alle feiert! Verlangt mehr von euch! Denn auch die Liebe und Freude, das geheimnisvolle Ding, das wir 'Glück' nennen, ist nicht da und nicht dort, sondern nur 'inwendig in uns'.

Zu Weihnachten (1917)

Wieder kommt das Christfest, das vierte seit dem Beginn des Krieges. Und wenn auch manche Zeichen für das Herandämmern des Kriegsendes sprechen, so ist doch auch heute nicht abzusehen, wie lange es noch dauern werde. Alle die, welche in irgendeiner Form Opfer des Krieges geworden sind, zumal die vielen Gefangenen im Feindesland, mögen diese Weihnacht als ein Fest der Wehmut begehen, als ein Fest der Erinnerung an verlorene, liebe Dinge, an Heimat und Kindheit, Frieden und Friedensglück. Und bei ihnen allen wird als tiefster Klang der Wunsch nach dem "Frieden auf Erden" laut werden, den das Weihnachtsevangelium preist.

Indessen wollen wir nicht vergessen, dass Weihnachten nicht bloß das Fest der Kinder, und dass die Stimme der Engel, welche Jesu Geburt verkünden, nicht bloß eine hübsche Musik für Kinder, und nicht bloß ein wehmütiger Trost für Bedrückte ist. Nicht Kindermärchen, so schön sie seien, und nicht Christbaumglanz und Kindergesang allein sollen es sein, die Weihnachten uns bringt. Der Christgedanke, der in so vielerlei Bekenntnissen so verschiedenen Ausdruck gefunden hat, hat auch für jeden einzelnen von uns immer wieder den Wert eines neuen, hohen Antriebes, einer wesentlichen Mahnung. Mag jeder sich sein eigenes Bild von der Welterlösung machen, wichtig und bedeutsam für jeden ist vor allem der Gedanke der Erlösung durch Liebe.

Diese Erlösung zu suchen, werden wir nicht nur vom Chor der Weihnachtsengel gemahnt. Es rufen und mahnen uns dazu alle Stimmen der großen Denker, Dichter und Künstler, und der tiefe Wert all dieser Stimmen liegt einzig darin, dass sie eine Wirklichkeit, einen Weg, eine Möglichkeit verkünden, die in jedes Menschen Brust lebendig vorhanden ist. Weihnachten soll uns darum, wie jedes Fest, nicht bloß eine Rückschau, sondern ein inneres Aufraffen und Zusammenfassen allen guten Willens in uns sein. Denn denen, "die eines guten Willens sind", gilt die Verheißung.

Eines guten Willens sind wir nicht, wenn wir nur um Verlorenes trauern, uns nur des Unwiederbringlichen erinnern. Wir sind es nur, wenn wir des Besten, Lebendigsten in uns selber bewusst werden und der Stimme dieses Bewusstseins folgen. Wer daran erntslich denkt, wer in sich das Gelöbnis erneut, seinem Besten treu zu bleiben, der ist in der rechten Stimmung, das Fest zu feiern. Und ihm werden Festglocken und Kerzenlichter, Gesang und Geschenke erst den rechten Wert und glanz gewinnen.

Weitere lesenswerte Hesse-Texte: http://freiepresse.en-a.de/politik/krieg_ueberwinden_mit_hermann_hesses_eigensinn-83964/, http://freiepresse.en-a.de/kunst_kultur_und_musik/hermann_hesse_zarathustras_wiederkehr-84805/

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